Meine Großeltern

Meine Großeltern waren Frida Frie­de­ri­ke Kull (geb. Kull) und Christian Wilhelm Kull müt­ter­li­cher­seits sowie Karoline Pauline Duss (geb. Schifferle) und Christian Friedrich Duss vä­ter­li­cher­seits. Leider konnte ich von den beiden großelterlichen Ehepaaren jeweils nur noch einen Partner bzw. eine Partnerin als Kind und Jugendlicher erleben. Die Ahnenreihe von Frida Frie­de­rike und Christian Wilhelm Kull lässt sich über die Standard Vorfahrentafel meiner Mutter Emma Maria Kull in Erfahrung bringen. Die Vorfahren von Karoline Pauline und Christian Friedrich Duss sind in der Standard Vorfahrentafel meines Vaters Wilhelm Friedrich Duss aufgezeichnet.

Großmutter Frida Friederike Kull wurde am 18. April 1881 in Rotensol (heute Stadt Bad Herrenalb) geboren. Oma Frida heiratete am 17. Februar 1901 in Dobel (Rotensol gehörte damals zum Kirchspiel Dobel) Opa Christian Wilhelm Kull. Sie starb am 09. August 1937 im damaligen Kreiskrankenhaus Neuenbürg (sehr wahrscheinlich an Krebs). Frida Frie­de­ri­ke trug denselben Nach­nah­men wie ihr Ehemann. Dies ist darauf zurückzuführen, dass beide Partner denselben Ur-Ur-Großvater hatten. Für die Ver­wandt­schafts­ver­hält­nis­se in den kleinen Dörfern des Nord­schwarz­walds (Rotensol hatte damals nicht einmal 200 Einwohner) war dies in der damaligen Zeit keine Be­son­der­heit. Da ich erst vier Jahre nach ihrem Tod geboren wurde, beschränken sich meine Kenntnisse über sie auf die standesamtlichen Eintragungen und die Berichte Ihrer Kinder, ins­be­son­de­re meiner Mutter. Aus heutiger Sicht bemerkenswert ist die Tatsache, dass Frida Friederike 14 Kinder zur Welt brachte, von denen 13 (6 Töchter und 7 Söhne) das Erwachsenenalter er­reich­ten. Ihre Lebensleistung ist nicht nur deshalb als beeindruckend hervorzuheben. Neben der Versorgung und Betreuung ihrer Kinder und ihres Ehemannes in einem nicht gerade kleinen Haushalt wurde ihr auch ein tatkräftiger Einsatz für die alles andere als kleine Ne­ben­er­werbslandwirtschaft (mit ei­ner grö­ße­ren Zahl an Milchkühen und mindestens einem Zugochsen) ab­ver­langt. Von ihren Kindern wurde sie als besonders fürsorgliche bzw. besorgte Mutter beschrieben, die sich mit großer Geduld und Hingabe ihren An­for­de­run­gen stellte. Die als Ab­bil­dung 1 wie­der­ge­ge­be­ne Por­trait­auf­nahme ist Mitte der 1930er Jahre entstanden.

Großvater Christian Wilhelm Kull kam am 04. August 1878 in Rotensol zur Welt - als jüngster von insgesamt 12 Geschwistern. Er starb am 14. April 1953 ebenfalls in Rotensol. Er übte den Beruf eines Sattlers, Raumausstatters und Tapezierers aus. Zur Un­ter­schei­dung der im Raum Bad Herrenalb nicht gerade geringen Anzahl an Trägern des Namens Kull wurde er in der Bevölkerung "Sattler-Kull" ge­nannt. Zwischen 1896 und 1900 war Christian Wilhelm in militärischer Ausbildung. Die Aufnahme des Soldaten Christian Wilhelm Kull in Abbildung 1 ist wohl in dieser Zeit entstanden. Seine Teilnahme am 1. Weltkrieg ist wahrscheinlich, al­ler­dings wohl lediglich in der "Etappe": als Sattlermeister musste er sich mit einiger Sicherheit um das Geschirr der damals bei den Truppen noch im Einsatz befindlichen Pferde kümmern.

Da in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg die Nachfrage nach Opas Hand­wer­ker­leis­tun­gen nicht sehr groß war, eröffnete er neben seiner Ne­ben­er­werbslandwirtschaft zusätzlich ein kleines Geschäft für Küchenwaren, Haushaltsartikel und Kleinwerkzeug mit einem auf den örtlichen Bedarf zugeschnittenen Sortiment. Ende der 1940er Jahre übernahm er zusätzlich den Verkauf von Lebensmitteln. Da er aufgrund quälender Ar­thro­se­schmer­zen in wachsendem Maße unter Gehbeschwerden litt und sich in seinen letzten Lebensjahren nur noch mühselig mit dem Stock vor­wärts­be­we­gen konnte, mussten sich seine Kunden unter seiner Aufsicht immer mehr selbst bedienen. Großvater saß hinter einem aus seiner Pol­ster­werk­statt stammendem Tisch, von dem aus er den Einkauf kontrollierte. Auf dem Tisch befand sich seine abschließbare Kasse. Gerne erinnere ich mich, dass Großvater in seinem Laden auch seinen im Obstgarten in einem großen Bie­nenhaus von zahlreichen Bie­nen­völ­kern "produzierten" Honig ver­kauf­te. Es war für mich ein "echter" Genuss, wenn mir Großvater Christian Wilhelm eine Scheibe vom selbst gebackenen Brot, bestrichen mit selbst her­ge­stell­ter Butter und reichlich dunklem Wald­ho­nig zu­be­rei­te­te.

Großvater Christian Wilhelm war ein vergleichsweise strenger und zugleich im besten Sinne tra­di­tio­nal-kon­ser­va­tiv eingestellter Mensch: er schwärmte bis zu seinem Tod häufig von Wilhelm II., dem letzten König von Würt­tem­berg (bis 1918), und während der Nazidiktatur verweigerte er kon­se­quent den Hitler-Gruß ("Heil Hitler"), der eigentlich für alle Bür­ger­in­nen und Bürger absolute Pflicht war. Sein Gruß "Heil Bismarck" haben ihm die Nazis allerdings "durch­ge­hen" lassen. Mit mir als seinem im badischen Pforzheim geborenen Enkel hatte er anfänglich einige Schwie­rig­kei­ten: er bezeichnete mich des Öf­te­ren als "Gelbfüssler", (dem Schimpf­wort für die Badener) und da mein Vater im Büro arbeitete, war ich ein "Langkittel", der sich aus seiner Sicht nicht gerade vorteilhaft vom "Blau­mann" eines "ehrenhaften" Hand­wer­kers unterschieden hat. Die Aufnahme von Großvater Christian Wilhelm in Abbildung 1 ist Anfang der 1950er Jahre entstanden.

Abbildung 1: Großmutter Frida Friederike und Großvater Christian Wilhelm Kull

Abbildung 1: Großmutter Frida Friederike und Großvater Christian Wilhelm Kull

Meine Großmutter Karoline Pauline Duss, geb. Schifferle, kam am 22. Dezember 1872 als zweitälteste von sechs Kindern in Feld­ren­nach (heute Gemeinde Straubenhardt) zur Welt. Sie heiratete am 12. November 1892 in Feld­ren­nach meinen Großvater Chris­tian Friedrich Duss aus dem damals noch zum Kirchspiel Feld­ren­nach gehörenden Conweiler. Großmutter Karoline starb am 31. Januar 1961 in Conweiler. Da sie 89 Jahre alt wurde, konnte ich sie als Kind und Ju­gend­li­cher noch viele Jahre erleben. In der Zeit nach dem 2. Weltkrieg wohnten wir sieben Jahre lang unter zum Teil sehr beengten Verhältnissen in ihrer Wohnung am Buckel 21 in Conweiler mit Oma zusammen. Sie lebte sehr zu­rück­hal­tend und be­schei­den, zumal sie von ihrem bereits 1932 ver­stor­be­nen Mann nur eine kleine Rente bezog. Von hagerer Gestalt machte sie sich mit Fleiß und Ausdauer im Haus und Garten oder auf ihren Feldern bis ins hohe Alter nützlich. Zur Erntezeit der Hei­del­bee­ren fand man sie solange immer wieder im Wald, bis sie etwa 20 kg davon gesammelt hatte: voller Stolz und aufrechten Ganges trug sie in einem Weidenkorb auf dem Kopf jeweils ihre Tagesernte der köstlichen Beeren nach Hause. Zweck ihres Sammeleifers war die Herstellung ihres von ihr besonders geschätzten Hei­del­beer­weins. Zusammen mit 40 l Wasser und 20 kg Zucker reiften die Beeren in einem von Schwiegersohn Emil Merkle zur Verfügung gestellten Fass bis zum Winter zu einem dunkelrot schimmernden Getränk heran. An den Winterabenden saß Oma mit Beginn der Dämmerung und ihrem Gläschen Heidelbeerwein am Fenster ihres Wohnzimmers, um die Dunkelheit abzuwarten. Die Ein­schal­tung der elek­tri­schen Be­leuch­tung war bis dahin verpönt: Ursache dafür war meines Erachtens die Tatsache, dass sich Großmutter in jungen Jahren noch über einen größeren Zeitraum hinweg mit Öllampen begnügen musste (E­lek­tri­zi­tät kam erst zu Beginn der 1900er Jahre ins Dorf). Das mit Oma gemeinsame Warten auf die Dun­kel­heit beim Knistern des im Ofen brennenden Holzes ist mir un­ver­gess­lich geblieben. Es war die Zeit, in der mir die Großmutter immer wieder von "früher" erzählte: von ihren Er­fah­run­gen und Erlebnissen mit "Land und Leuten", von Gefahren in der Natur oder von wichtigen, vor allem im Jahresablauf zu beachtenden Le­bens­weis­hei­ten und Wetterregeln. Mit dem Läuten der "Betglocke" vom Turm der Kirche am ge­gen­über­lie­gen­den Berg­hang wurden die für mich besonders schönen Augenblicke be­en­det. Großmutter sprach ein "Vater-Unser" und ein ganz per­sön­liches Gebet wie "Die Nacht bricht herein, Herr Jesu steh uns bei…". Danach durfte ich jeweils den Lichtschalter betätigen.

Hatte ich etwas "angestellt" oder auf andere Weise nicht "gehorcht" und die Strafe meiner Eltern war abzusehen bzw. bereits im Gange, fand ich Großmutter so gut wie immer auf meiner Seite. Zu ihren herausragenden Charaktereigenschaften gehörte auf jeden Fall ihre abwartend-rück­sichts­vol­le und ausgleichende Art. Obwohl gerade mitten in den Vorbereitungen auf meine Abi­tur­prü­fung hat mich Omas Tod Ende Januar 1961 doch sehr "mitgenommen". An einem nasskalten Februartag haben wir sie auf ihrem letzten Weg zum Friedhof Conweiler begleitet, wo sie im Grab ihres vergleichsweise früh verstorbenen Mannes beigesetzt wurde (siehe Abbildung 3).

Großvater Christian Friedrich Duss (genannt Fritz) wurde am 22. November 1868 in Conweiler (Strau­ben­hardt) als 11. von 12 Kindern geboren. Seine Eltern waren Katharina Hiller aus Gräfenhausen (Birken-feld) und Philipp Duss aus Conweiler. Christian Friedrich hatte eine Zwil­lings­schwes­ter, die einen Tag vor ihm zur Welt gekommen war, jedoch bereits im Februar des folgenden Jahres gestorben ist. Opa Fritz starb am 02. Juni 1932 in Conweiler im Alter von 62 Jahren. Über seinen Werdegang in der Familie (und die Zeit davor) konnte ich wenig in Erfahrung bringen. Ein erstes Foto stammt aus seiner Rekrutenzeit beim würt­tem­ber­gi­schen In­fan­te­rie­re­gi­ment Nr. 121, das bis 1918 Teil des Kaiserlichen Heeres war (siehe Abbildung 2). Auffallend an seiner Uniform ist die seinerzeit beim deutschen Militär weit verbreitete "Pickelhaube". Eine Teilnahme am 1. Weltkrieg ist auszuschließen, da er zu dessen Ausbruch bereits 46 Jahre alt war.

Christian Friedrich hat den Beruf eines Uhrmachers erlernt. Allerdings hat er sich später vor allem als In­dus­trie­ar­bei­ter in Neuenbürg und Pforzheim betätigt. Die am Ende der Weimarer Republik aufgekommenen wirtschaft-lichen Probleme mit einem starken Anstieg der Arbeitslosigkeit haben Christian Friedrich sicherlich "zu schaffen" gemacht. Inwieweit sich diese Verhältnisse auf seinen Ge­sund­heits­zu­stand aus­ge­wirkt haben, lässt sich im Nachhinein nicht mehr feststellen – auszuschließen ist es auf jeden Fall nicht! Durch seinen Tod im Juni 1932 blieben ihm auf jeden Fall die Gräuel der Nazi-Diktatur erspart.

Auf Abbildung 2 sind auf einer um 1910 entstandenen Aufnahme das Ehepaar Karoline Pauline und Christian Friedrich Duss sowie ein Foto von Christian Friedrich als Soldat wie­der­ge­ge­ben. Abbildung 3 zeigt das Grab meiner Großeltern auf dem Friedhof von Conweiler.

Abbildung 2: Großeltern Karoline Pauline und Christian Friedrich

Abbildung 2: Großeltern Karoline Pauline und Christian Friedrich
Quelle: Privat

Abbildung 3: Das Grab meiner Großeltern Duss

Abbildung 3: Das Grab meiner Großeltern Duss
Quelle: Eigene Aufnahme (1970)